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Lesepfad 6 von 8 · Kapitel 13–14 · S. 172–209

Leben und Bewusstsein

Von der Selbsterhaltung zur erlebten Welt.

Eine gemeinsame Grundlage könnte sehr verschiedene Formen tragen. Doch ihre Gemeinsamkeit erklärt noch nicht, was eine Zelle von einem Stein unterscheidet oder weshalb ein Mensch etwas erlebt. Das Buch verfolgt deshalb zwei aufeinander bezogene Übergänge: von beständiger Ordnung zu lebendiger Selbsterhaltung und von ihr zu einer Innenperspektive.

Eine Zelle besteht, indem sie sich fortsetzt

Unter dem Mikroskop erscheint eine Zelle zunächst als kleiner abgegrenzter Bereich. Für ihr Leben entscheidend sind aber die Vorgänge, die ihre Form laufend erhalten: Stoffe werden umgesetzt, Bestandteile erneuert und Unterschiede zur Umgebung aufrechterhalten. Werden diese Beziehungen dauerhaft unterbrochen, können viele Moleküle noch vorhanden sein, während die lebende Organisation bereits zerfällt.

Ihre Grenze ist dabei mehr als eine Verpackung. Die Membran ermöglicht bestimmten Stoffen den Austausch und hält andere Unterschiede aufrecht. Innere Prozesse erneuern wiederum Teile der Membran. So erhalten sich Grenze und Stoffwechsel wechselseitig. Das Buch nennt diese Beziehung Selbstkopplung: Prozesse tragen zu den Bedingungen bei, unter denen sie weitergehen können.

Dafür braucht eine Zelle keine Vorstellung ihrer selbst. Ein Stoff kann einen früheren Schritt seiner eigenen Herstellung hemmen; sinkt seine Konzentration, lässt die Hemmung nach. Der Zusammenhang reguliert sich durch seine tatsächlichen Beziehungen. „Selbst“ bezeichnet hier eine operative Einheit, noch kein Ichgefühl.

Wie einfachere Vorgänge zusammenfinden könnten

Eine Flamme setzt ebenfalls Stoffe und Energie um. Um Leben zu verstehen, reicht ein solcher Durchsatz allein also nicht. Es müssen Abgrenzung, geregelte Reaktionen, Erneuerung und die Fortsetzung einer Organisation zusammenkommen. Das Buch sieht den Ursprung des Lebens deshalb als Geschichte von Übergängen.

In Laborversuchen können einzelne Verbindungen dieser Geschichte untersucht werden. Die Arbeit von Drobot und Mitautoren zeigt beispielsweise, wie RNA-Katalyse in modellhaften Tröpfchen mit selektivem Austausch vereinbar sein kann. Solche Systeme sind noch keine vollständigen Zellen. Sie machen aber eine bestimmte Abhängigkeit zugänglich: Ein Reaktionsraum muss Stoffe ausreichend lange zusammenhalten und zugleich Austausch erlauben.

Der UPF-Entwurf vermutet, dass unter geeigneten, anhaltend wirksamen Bedingungen umfassendere Selbstkopplung wiederkehrend erreichbar sein könnte. Dafür müssten die Bedingungen unabhängig davon beschrieben werden, ob Leben bereits entstanden ist. Andernfalls wäre die Aussage nur ein Zirkelschluss. Die konkrete Chemie und ihre Geschichte bleiben Teil der Erklärung.

Wärme messen und Wärme spüren

Eine Hand umfasst eine warme Tasse. Von außen lassen sich Berührung, Temperaturaufnahme und neuronale Verarbeitung beschreiben. Zugleich wird die Wärme gespürt. Sie kann wohltuend oder unangenehm sein und gehört zu einer gegenwärtigen Situation. Hier liegt die weitere Frage: Wie wird aus einem Geschehen eine Welt, die für jemanden erscheint?

In einer Erfahrung wirken Körperzustand, Wahrnehmung, Erinnerung und Erwartung zusammen. Die gleiche Wärme kann sich an kalten Händen anders anfühlen als an gereizter Haut. Beim Hören einer Melodie bleibt der vorige Ton im Zusammenhang wirksam, obwohl sein Schall schon verklungen ist. Eine Erklärung muss deshalb sowohl die Verschiedenheit der Inhalte als auch ihre zeitliche Verbindung verständlich machen.

Die UPF-Hypothese nimmt dafür eine entstehende Feldstruktur an, deren geordneter Selbstbezug inneres Erleben trägt. Diese Struktur soll eine eigene Dynamik besitzen. Das Gehirn bildet in unserer Lebensform ihre aktive Kopplungsplattform: Es hilft, die Struktur hervorzubringen, zu erhalten und mit Körper und Umgebung zu verbinden. Es ist in diesem Gedanken keine austauschbare Antenne für einen anderswo fertigen Geist.

Wie die Erfahrung die Fortsetzung verändert

Wer die Tasse als zu heiß erlebt, setzt sie vielleicht wieder ab. Wahrnehmung, Handeln und erneute Rückmeldung bilden einen Wirkungskreis. Innerhalb des Feldbildes verändert dieses Handeln Feldordnung, weil Körper und Umgebung zum gleichen Grund gehören. Diese vermittelte Rückwirkung ist die erste Bedeutung des Begriffs.

Das Buch erwägt außerdem eine stärkere Beziehung. Die gegenwärtige Bewusstseinsstruktur könnte selbst beeinflussen, welche weiteren Übergänge im gekoppelten System sich stabilisieren. Eine gehaltene Absicht würde dann nicht nur eine Beschreibung der bekannten neuronalen Vorgänge sein, sondern hätte einen zusätzlichen physischen Anteil an ihrer Fortsetzung.

Für diese Annahme müsste eine Eigenschaft der Feldstruktur unabhängig von ihrem vermuteten Effekt bestimmt werden. Anschließend ließe sich fragen, ob ihre Veränderung einen Unterschied erklärt, nachdem bekannte Einflüsse berücksichtigt sind. Dass Aufmerksamkeit und Hirnaktivität gemeinsam variieren, genügt dafür nicht, denn dies erwarten auch andere Erklärungen.

Eine eigene Perspektive innerhalb des Ganzen

Eigenständigkeit bedeutet im Entwurf keine voraussetzungslose Unabhängigkeit. Wie ein Gespräch einen eigenen Verlauf gewinnt und dennoch sprechende Menschen benötigt, könnte eine Organisation eigene Dynamik haben und auf ihre Träger angewiesen bleiben. Der Vergleich erklärt noch kein Bewusstsein; er macht die Art des behaupteten Verhältnisses deutlicher.

Ebenso wenig folgt aus dem gemeinsamen Grund eine einzige gemeinsame Innenwelt. Zwei Menschen können dieselbe Tasse sehen und verschiedene Erfahrungen haben. Die bewusste Struktur müsste ihre zeitliche Verbindung und Abgrenzung erklären. Im Ursprung wird deshalb auch kein fertiges kosmisches Bewusstsein vorausgesetzt.

Die Forschung an Gehirnen hilft, diese Fragen genauer zu stellen. Der COGITATE-Vergleich prüft unterschiedliche Vorhersagen zweier Bewusstseinstheorien. Seine Ergebnisse machen deutlich, dass allgemeine Wörter wie Integration konkrete Erwartungen brauchen. Sie liefern keinen Nachweis einer zusätzlichen UPF-Struktur.

Könnte eine andere Organisation ebenfalls erleben?

Wenn die tragenden Beziehungen erst genau bestimmt werden müssen, entsteht eine weitere Frage: Könnten sie auch technisch verwirklicht werden? Damit führt der Weg zur künstlichen Intelligenz. Ein leistungsfähiges System ist nicht schon durch seine Leistung bewusst; seine künstliche Herkunft entscheidet die Frage aber ebenso wenig allein.